Jamuls

Hier möchten wir einen Erfahrungsbericht über unsere digitalen Chorproben mit der Software Jamulus geben. Wir hoffen, dass dies auch für andere Chöre hilfreich ist, die online proben möchten. Dieser Text ist keine detaillierte Anleitung zum Installieren oder Verwenden von Jamulus – dazu gibt es Links am Ende dieser Seite. Im folgenden sammeln wir unsere Erfahrungen mit Jamulus und beschreiben, wie wir es für Proben verwenden.

Proben über Zoom & co.

Viele Chöre nutzen für ihre Online-Chorproben Videokonferenz-Software wie z.B. Zoom, Microsoft Teams, GoToMeeting und andere. Diese Programme sind jedoch nicht für gemeinsames Musizieren optimiert, sondern für Sprachunterhaltungen. Wer schon jemals versucht hat, über Zoom mit mehreren Leuten gleichzeitig zu singen, merkt schnell, dass dies nicht sinnvoll möglich ist. Daher funktionieren Proben über solche Programme nur in eine Richtung: Der/die Chorleiter/-in spielt Klavier und singt ggf. eine Stimme mit, die Sängerinnen und Sänger zu Hause singen dazu, ohne die anderen hören zu können. Der Chorverband Berlin hat hierzu auch einen sehr schönen Leitfaden verfasst. Der Vorteil dieser Probenarbeit besteht vor allem darin, dass sie einerseits besser als gar keine Probenarbeit ist, und andererseits die allermeisten Sänger irgendwie Zugang zu einem Gerät haben, auf dem Zoom & co. laufen. Der Nachteil ist jedoch, dass kein gemeinsames Singen möglich ist.

Die Alternative: Jamulus

Das Hauptproblem, das das gemeinsame Singen verhindert, ist die zeitliche Verzögerung (Latenz) des Bild- und Tonsignals. Daher ist es das Ziel von Spezialprogrammen, diese möglichst gering zu halten. Wir verwenden Jamulus; andere Alternativen sind z.B. JamKazam oder SoundJack. Wir haben uns für Jamulus entschieden, weil es eine kostenlose und offene Software ist, die wir auf unserer eigenen Infrastruktur betreiben können. Im folgenden beschreiben wir daher Jamulus.

Um die Latenz des Signals so gering zu bekommen, dass gemeinsames Musizieren möglich ist, muss man einige Abstriche machen bzw. etwas Aufwand in Kauf nehmen:

  1. Jamulus bietet nur Tonsignal, kein Video.
  2. Alle Teilnehmer/-innen müssen einen kabelgebundenen Kopfhörer verwenden.
  3. Jamulus läuft unter Windows, MacOS und Linux, aber nicht auf Android und iOS.
  4. Die Installation ist aufwändiger als bei Zoom & co.

Weitere Faktoren für die Latenz sind auf der Webseite von Jamulus beschrieben.

Der Haken: Die Installation

Der größte Aufwand, den man für das Proben mit Jamulus investieren muss, liegt beim Installieren der Software. Dies teilt sich in das Serverprogramm, das wir als Chor einmalig aufsetzen mussten, und in das Anwendungprogramm, das jede/-r Sänger/-in installieren muss. Im folgenden wird es daher leider ein wenig technisch.

Server

Jamulus benötigt ein Serverprogramm, das auf einem eigenen Rechner (Server) läuft, an dem sich alle Sängerinnen und Sänger anmelden. Es gibt öffentliche Server, die man zwar nutzen kann, doch ist nicht garantiert, dass diese zur gewünschten Zeit auch frei sind. Zudem kann jeder zuhören, wenn man probt. Daher kommt man als Chor eigentlich nicht darum herum, auf einen eigenen Server zu gehen.

Der Anbieter Melomax betreibt Jamulus-Server, die man stundenweise mieten kann. Die Qualität war bei einem Test recht gut; preislich muss man für sich selbst entscheiden, ob auf Dauer nicht eine eigene Serverinstallation günstiger ist.

Die Installation eines eigenen Servers ist nicht schwer; mit Grundkenntnissen in Windows oder Linux ist sie in wenigen Minuten erledigt. Um die Latenz so kurz wie möglich zu halten, sollte der Server in einem gut angebundenen Rechenzentrum stehen. Man kann theoretisch auch zu Hause einen Server betreiben, dies ist aber kniffliger, da man dazu einen speziellen Internetanschluss braucht (mit IP v4) und seinen Router entsprechend konfigurieren muss; außerdem muss der Anschluss genug Bandbreite in beiden Richtungen haben, wenn man mit mehr als nur einer Handvoll Personen proben will. Wir haben uns daher entschieden, einen Server mit »Cloud-Tarif« bei einem Hosting-Anbieter zu mieten. (In unserem Fall ist das Ionos von 1und1, da dort auch schon unsere Homepage liegt. Es gibt aber dutzende Anbieter, die dafür geeignete Tarife anbieten.) Der Vorteil bei Cloud-Tarifen ist, dass sie nach Verbrauch von Rechenzeit abgerechnet werden. Wenn man den Server jeweils nur für die Proben hoch- und danach wieder herunterfährt, kommen nur wenige Stunden im Monat zusammen, und die Kosten liegen nur im einstelligen Euro-Bereich. Zudem sind Verträge mit Cloud-Tarif oft monatlich kündbar, daher ist man damit sehr flexibel, auch was die benötigte Leistung angeht.

Wir haben für einen Server mit zwei Rechenkernen und 4 GB RAM gebucht. Darauf läuft Ubuntu 20 mit dem Low-Latency-Kernel. Bei einer Probe mit 20 gleichzeitigen Teilnehmern war er zu ca. 60 % ausgelastet. Wir starten das Serverprogramm mit folgenden Parametern:

Jamulus -s -n -F -T -p 22124 -u 50

Die Parameter bedeuten:

-s -n
Jamulus als Serverprogramm ohne Benutzerfenster starten.
-F
Setzt die Frame-Größe auf 64 Samples. Hierdurch wird die Latenz weiter verringert, wenn auch die Teilnehmer im Anwendungsprogramm einen Puffer von 64 Samples eingestellt haben. Dies benötigt mehr CPU und Bandbreite, funktioniert aber mit unserem Server ganz gut (s.o.).
-T
Multithreading: Wird benötigt, um von mehreren Rechenkernen zu profitieren
-p 22124
Portnummer. Wir verwenden dies, um mehrere Jamulus-Serverprogramme gleichzeitig laufen zu lassen, um mit unterschiedlichen Gruppen parallel Stimmproben zu machen. Die anderen gestarteten Programme bekommen dann die Ports 22125, 22126 usw. Die Sänger verbinden sich dann z.B. über server.meinchor.de:22125

-u 50
Maximalzahl gleichzeitiger Benutzer, Standard ist 10.

Um den Server einfacher erreichbar zu machen, haben wir ihm eine lesbare Adresse (wie z.B. server.meinchor.de) gegeben. Dabei muss man beachten, dass Jamulus nur IPv4 unterstützt. Der DNS-Eintrag darf daher nur einen A-Record enthalten und keinen AAAA-Record, sonst schlägt der Verbindungsaufbau in Jamulus fehl.

Anwendungsprogramm

Die Installation des Anwendungsprogramms ist leider etwas kniffliger als bei Zoom & co., da man nicht nur das Programm selbst installieren muss, sondern ggf. auch einen geeigneten Treiber für die Soundkarte. Für Windows gibt es eine sehr detaillierte Anleitung des Kirchenkreises Hamm, ansonsten hilft auch das Jamulus-Wiki weiter.

Man sollte auf jeden Fall darauf achten, dass man die aktuellste Version installiert. Zum Zeitpunkt, als dieses Dokument entstand, kam gerade die Version 3.6.1 heraus, die viele Verbesserungen vor allem für Chöre bietet. Wenn es der eigene Rechner und die Internetverbindung erlauben, sollte man auf jeden Fall mit einer Puffergröße von 64 Samples und kleinen Netzwerkpuffern arbeiten. Damit erreichen wir Gesamtlatenzen von ~40 ms. Nicht bei allen Rechnern ist es möglich, die 64 Samples auszuwählen; ggf. braucht man ein USB-Audio-Interface oder -Mikrofon (siehe »Hardware«) und einen nicht zu alten Rechner. Auch wenn die 64 Samples anwählbar sind, führen sie bei manchen zu stotterndem Ton oder Verzerrungen. Dann sollte man wieder zurück auf 128 Samples gehen.

Da vor allem die Einstellungen des Soundkarten-Treibers ASIO4All unter Windows sehr knifflig sind, haben wir vor den Proben eine Technik-Sprechstunde eingerichtet, bei der wir den Sängerinnen und Sängern bei der Installation helfen. Dazu bietet sich ein Fernwartungsprogramm wie z.B. AnyDesk, TeamViewer o.ä. an. Wichtig: Während man an den Einstellungen der Soundkarte arbeitet, sollte man nicht gleichzeitig via Skype o.ä. auf dem selben Rechner mit der Person sprechen, sondern besser über ein zweites Gerät (z.B. Telefon).

Hardware

Bei den meisten Sängern funktioniert es mit einem normalen, nicht zu alten Laptop ganz vernünftig mit Kopfhörer und über das eingebaute Mikrofon. USB-Headsets verweigern manchmal den Dienst, wenn sie für das Mikro nur 16 kHz Abtastfrequenz (=Telefonqualität) bereitstellen; Jamulus benötigt 48 kHz. Wir empfehlen eigentlich jedem/-r Sänger/-in, sich wenigstens ein günstiges USB-Podcast-Mikrofon zu kaufen. Schon die billigsten Modelle für ca. 20 € klingen um Längen besser als die in Laptops eingebauten Mikros und können auch näher an den Mund gerückt werden. Ideal sind natürlich USB-Audio-Interfaces mit eigenen ASIO-Treibern und ordentliche Kopfhörer/Mikrofone. Diese gehen dann natürlich schnell in mehrere hundert Euro. Bei Kopfhörern sind offene Modelle vorteilhafter als geschlossene, da man mehr vom eigenen Gesang hört, wenn man nicht über das Interface das Mikrofon als Monitor auf den Kopfhörer legen kann/will.

Technische Probenmethodik

Der Vor- und Nachteil bei Jamulus ist, das jede/-r Sänger/-in die Lautstärke der anderen Stimmen für sich selbst mischen kann, aber eben auch muss. Dazu bietet Jamulus aber einige Hilfen an. Folgende Vorgehensweise hat sich für uns als praktisch erwiesen:

  • Jede/-r Sänger/-in sollte bei »Ansicht/Mein Profil« seinen echten Namen eintragen sowie bei »Instrument« sein/ihr Stimmfach. Dann kann jeder unter »Bearbeiten/Sortiere die Kanäle nach Instrument« die Teilnehmer nach Stimmfach sortieren.
  • Zu Beginn der Probe sollte man einen kleinen Soundcheck einplanen, bei dem alle Sänger/-innen nacheinander kurz einzeln etwas vorsingen, damit man die Lautstärke einschätzen kann, die je nach Mikrofon-Setup sehr unterschiedlich ausfallen kann. Dann sollte jeder bei sich die gewünschte Lautstärke der anderen einstellen. Dabei hilft es, zuerst unter »Ansicht/Einstellungen« den Pegel für die neuen Teilnehmer auf 50 % zu setzen, und dann im Haupfenster unter »Bearbeiten« alle Regler auf diesen Wert zu setzen, und von dort aus die Lautstärke anzupassen.
  • In den Einstellungen bei »Audiokanäle« sollte man »Mono-In/Stereo-Out« auswählen. Damit kann man dann mit dem Pan-Regler die anderen Sänger/-innen im Stereopanorama verteilen, also z.B. Soprane links, Bässe rechts.
  • Entgegen dem Hinweis im Jamulus-Wiki (»Höre nur auf das Signal vom Server!«) sollte jede/-r Sänger/-in sich selbst im Mix stummschalten, das heißt rechts im Hauptfenster beim eigenen Namen die »Mute"-Taste betätigen. Sonst ist es sehr verwirrend, seine eigene Stimme mit leichter Verzögerung auf dem Kopfhörer zu hören. Bei Instrumentalisten mag es möglich sein, sich eine Spielweise anzugewöhnen, bei der man nur auf dieses verzögerte Signal hört und sich dann ähnlich wie bei einer Kirchenorgel darauf anzupassen. Beim Singen hat man jedoch über den Körperschall immer ein direktes Signal, das sich nicht vermeiden lässt. Daher ist es in unserer Erfahrung sinnvoller, sich selbst aus dem Mix herauszunehmen.
  • Über die Gruppierungsfunktion (»GRP«) kann man Sängerinnen und Sänger zu Gruppen zusammenfassen. Beim Ziehen am Lautstärkeregler werden dann alle Stimmen dieser Gruppe proportional angepasst. Will man nachträglich eine einzelne Stimme in einer Gruppe ändern, kann man die Umschalttaste halten und ziehen. Man sollte wenigstens alle Sänger/-innen in die Gruppe 1 zuweisen, so dass man das Verhältnis Chor/Dirigent leicht ändern kann.
  • Sängerinnen und Sänger, die zu viele Störgeräusche erzeugen oder eine sehr hohe Latenz haben, sollte man stummschalten. Sie können dabei immer noch mitproben, da sie ja weiterhin alle anderen hören.

Musikalische Probenmethodik

Da man kein Videosignal hat, ist ein Singen nach Dirigat nicht möglich. Der Dirigent muss also durch Ansagen und Klavierbegleitung mit dem Chor kommunizieren. Es braucht gewöhnlich eine Weile, bis sich alle an den Probenmodus gewöhnt haben. Noch mehr als bei einer normalen Chorprobe ist wichtig, dass die Sängerinnen und Sänger sich beim Tempo am Dirigenten orientieren und nicht an den anderen, da der Chor durch die zusätzliche Latenz sonst immer langsamer wird. Am Anfang kann man dazu ein Metronom mitlaufen lassen, doch später kann es auch ohne funktionieren, wenn alle sich bemühen, das Tempo zu halten (siehe Hörbeispiele). Natürlich kann man bei einer solchen Probe schlecht an der Ausgewogenheit des Chorklangs arbeiten, doch viele andere Dinge wie Tempo, Phrasierung, Absprachen usw. funktionieren ganz gut.

Demo

Dies ist ein Live-Mitschnitt mit der Aufnahme-Funktion von Jamulus. In der Nachbearbeitung haben wir nur die Lautstärkebalance und das Stereopanorama geändert. So kann man ungefähr einen Eindruck erhalten, wie es bei den Sängern während der Probe jeweils klingen kann, wenn man die Lautstärke und Balance entsprechend einstellt. Wir haben auch keinen Click-Track oder ähnliches herausgeschnitten und hatten parallel keine Videokonferenz. Die Koordination fand nur über die Klavierbegleitung statt.

Hier ist ein kurzer Ausschnitt aus einer Tutti-Probe mit 18 Sängerinnen und Sängern. Mathias hatte das Metronom seines Keyboards mitlaufen, es war also kein voreingespielter Click-Track. Die Sänger waren über ganz Süddeutschland und die Schweiz verteilt, der Server steht in einem Rechenzentrum in Karlsruhe.

Fazit

Insgesamt gefällt uns diese Art zu proben sehr viel besser als das Proben über Zoom. Der Aufwand für die Einrichtung von Jamulus hat sich für uns auf jeden Fall gelohnt. Nach der Probe treffen wir uns dann meist auf einer anderen Plattform mit Videofunktion zu einem geselligen Teil, bei dem wir uns auch gegenseitig sehen können.

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