Vorneweg: Man kann mit Jamulus sehr gut auch ohne Video proben und sich nur über gesprochene Ansagen koordinieren. Wir haben jedoch mit Jitsi Meet so gute Erfahrungen gemacht, dass wir es derzeit als parallelen Videokanal verwenden und sogar zum Singen nach Dirigat verwenden. Die Verzögerung des Videosignals ist natürlich immer höher als die des Tonsignals, daher sind Bild und Ton nie ganz zusammen. Bei Jitsi ist die Verzögerung jedoch sehr viel geringer als bei Zoom oder anderen Programmen und unserer Meinung nach gering genug, um sinnvoll nach Dirigat zu singen. Die Kollegen von Vocapella Limburg haben dies schön in einem Workshop gezeigt. Man kann auch live ein Matrix-Video damit aufnehmen, wie es der Landesjugendchor Baden-Württemberg gemacht hat.

Um Jitsi zu nutzen, kann man direkt von der Jitsi-Homepage eine Konferenz starten oder aber Jitsi auch als eigenen Server installieren. Der Chorleiter sollte hierbei die Videoqualität auf »niedrig« stellen, um die Belastung des eigenen Rechners gering zu halten. Die Sänger können zusätzlich Ihr ausgehendes Video deaktivieren, um die Netzwerklast zu reduzieren. Alle Teilnehmer müssen natürlich ihr Audio deaktivieren.

Wenn man Jitsi auf einem eigenen Server betreibt, kann man diese Einstellungen zur Videoqualität und deaktiviertem Audio schon serverseitig festlegen, so dass die Sängerinnen und Sänger nur noch einen Link öffnen und keine weiteren Einstellungen verändern müssen. Auf unserem Jitsi-Server haben wir in unserer Konfigurationsdatei (/etc/jitsi/meet/<server.meinchor.de>-config.js) die folgenden Konfigurationsparameter eingefügt:

disableE2EE: true,
enableNoisyMicDetection: false,
startWithAudioMuted: true,
startSilent: true,
stereo: true,
disableAP: true,
resolution: 200,
constraints: {
  video: {
    aspectRatio: 16 / 9,
    height: {
      ideal: 200,
      max: 200,
      min: 100
    }
  }
},
enableLayerSuspension: true,
requireDisplayName: true,
prejoinPageEnabled: false,
p2p: {
        enabled: false,
},

Auf Telefonen und Tablets sollte man den Browser verwenden und nicht die Jitsi-App, da diese einige der Einstellungen zur Videoqualität ignoriert.

Abgesehen davon machen wir es so, dass wir uns nach der Probe meist auf einer anderen Plattform mit Videofunktion zu einem geselligen Teil treffen, bei dem wir uns auch gegenseitig sehen können.

Einbindung von Sänger/-innen, die Jamulus (noch) nicht nutzen können

Es ist möglich, einen sanften Übergang von »Zoom-Proben« zu Jamulus-Proben zu machen: Am Anfang probt eine kleine Gruppe mit Jamulus, zu der nach und nach immer mehr Sängerinnen und Sänger hinzukommen können. Diejenigen, die noch nicht Jamulus verwenden, hören in dieser Zeit einen Stereo-Mix der per Jamulus Singenden. Sie proben dann wie früher mit, indem Sie zu diesem Mix singen. Dabei werden sie natürlich nicht von den anderen gehört, aber immerhin hören Sie schon einen Chor singen statt nur den/die Dirigent/in. Die simpelste Lösung ist, einen MP3-Stream über einen Icecast-Server anzubieten. Die Sängerinnen und Sänger können den einfach mit einem Browser öffnen.

Benutzt man stattdessen Jitsi, können die Singenden den/die Dirigent/-in und ihre Mitsingenden hören und sehen, und werden selbst auch gesehen. Während Singpausen können sie sogar Fragen an den/die Dirigenten/-in stellen, wenn man wie unten beschrieben vorgeht. Während sie singen, müssen sie die Mikrofone jedoch stumm stellen. Dieses Vorgehen ist prinzipiell auch mit anderen Videokonferenzprogrammen möglich. Per Jitsi ist es aber besonders elegant, denn:

  • Die Jamulus-Singenden und die Jitsi-Zuhörenden sind für Video auf derselben Plattform.
  • In Jitsi kann man die Audio-Verarbeitung (Echo-Unterdrückung, Rauschminderung) komplett deaktivieren und sogar Stereoton übertragen. Dies ist in Zoom etc. nicht vollständig möglich, und man muss mit zusätzlicher Live-Audio-Bearbeitung (Kompression) die Rauschunterdrückung »austricksen«.
  • Durch unterschiedliche URLs kann man Jitsi mit oder ohne Ton starten und vermeidet dadurch das Problem, dass Zoom etc. das Mikrofon von Jamulus »klaut« bzw. sich in die Lautstärkeregelung einmischt.

Um dies umzusetzen, benötigt man eigentlich nur einen zusätzlichen Rechner, der als »Brücke« zwischen Jamulus und Jitsi dient. In Abbildung 1 ist das Setup dargestellt.

Abb. 1: Setup mit Jamulus-Jitsi-Brücke

Der Rechner jamulus-jitsi-bridge übernimmt hier die Funktion, den Ton von Jamulus in die Jitsi-Session einzuspeisen und umgekehrt. Im Jamulus-Mixer erscheint dann ein zusätzlicher Kanal, unter dem alle Nur-Jitsi-Teilnehmer zu hören sind. Dies ist wie oben erwähnt nur für Zwischenfragen geeignet und nicht zum Mitsingen. Während gesungen wird, müssen alle Nur-Jitsi-Teilnehmer das Mikrofon deaktivieren. Weiterhin ist es auch für diese ratsam, einen Kopfhörer zu verwenden, da durch die o.g. Optimierungen keine Rückkopplungs-Vermeidung in Jitsi aktiv ist.

Auf dem Bridge-Rechner muss der eigene Kanal in Jamulus natürlich auch stummgeschaltet sein, sonst hören die Jitsi-Teilnehmer Echo. Der Bridge-Rechner kann prinzipiell unter Windows, MacOS oder Linux laufen. Man muss nur mit einer virtuellen Soundkarte die Ausgabe von Chrome mit der Eingabe von Jamulus verbinden und umgekehrt. Dies funktioniert unter Windows mit ASIOLinkPro, SAR oder VoiceMeeter, unter MacOS mit BlackHole, unter Linux mit JACK, oder unter allen Betriebssystemen mit REAPER und ReaRoute. Durch die Parameter in der URL wird das serverseitig deaktivierte Audio wieder aktiviert, Stereomodus eingeschaltet und Video deaktiviert, da das auf diesem Rechner unnötig ist. Dadurch kann die Brücke auch auf einem recht leistungsschwachen Rechner laufen. Im Beispiel verwenden wir Linux mit JACK mit pulseaudio-module-jack, die Konfiguration ist denkbar einfach und in Abbildung 2 mit QjackCtl dargestellt. In Chrome müssen dann die Jack-Sink bzw. Source also Ein-/Ausgabegerät gewählt werden. Leider funktioniert Stereo-Ausgabe momentan nur mit Firefox, also müsste man momentan auf dem jitsi-listener Firefox als Browser verwenden (Chrome hat da leider noch einen Bug.).

Abb. 2: Routing in QjackCtl

Die Jamulus-Teilnehmer (in Abbildung 1 ist beispielhaft ein Rechner jamulus-singer aufgeführt, dies können beliebig viele sein) rufen einfach die Jitsi-Seite ohne weitere Optionen auf und bekommen das stummgeschaltete Jitsi. Die Zuhörer (im Schaubild wiederum beispielhaft ein jitsi-listener) verwenden die angezeigte angepasste URL, um Ton zu hören.

Generell ist es eine gute Idee, den Jamulus- und den Jitsi-Server auf unterschiedlichen Rechnern (in unserem Schaubild Virtual Private Server (VPS)) laufen zu lassen. Momentan funktioniert es bei uns jedoch noch, beides auf einem virtuellen 4-Kern-Server zu hosten. Auch die Brücke kann man auf einem Server hosten, auf den man dann per Fernzugriff kommt (siehe Abb. 3). Dafür empfiehlt sich SSH+VNC oder noVNC.

Abb. 3: Jamulus-Jitsi-Brücke auf einem Server per VNC

Auf diesem Server läuft ein Jamulus-Client, der den Mix der aktuellen Sitzung nach Jitsi und über DarkIce an einen Icecast-Server streamt. Der Nachteil bei der serverseitigen Lösung ist, dass der Mix fest eingestellt ist, bzw. man »Streaming-Beauftragte« festlegen müsste, um für die Zuhörenden einen gut klingenden Mix einzustellen.