Jamuls

Hier möchten wir einen Erfahrungsbericht über unsere digitalen Chorproben mit der Software Jamulus geben. Wir hoffen, dass dies auch für andere Chöre hilfreich ist, die online proben möchten. Dieser Text ist keine detaillierte Anleitung zum Installieren oder Verwenden von Jamulus – dazu gibt es Links am Ende dieser Seite. Im folgenden sammeln wir unsere Erfahrungen mit Jamulus und beschreiben, wie wir es für Proben verwenden.

Proben über Zoom & co.

Viele Chöre nutzen für ihre Online-Chorproben Videokonferenz-Software wie z.B. Zoom, Microsoft Teams, GoToMeeting und andere. Diese Programme sind jedoch nicht für gemeinsames Musizieren optimiert, sondern für Sprachunterhaltungen. Wer schon jemals versucht hat, über Zoom mit mehreren Leuten gleichzeitig zu singen, merkt schnell, dass dies nicht sinnvoll möglich ist. Daher funktionieren Proben über solche Programme nur in eine Richtung: Der/die Chorleiter/-in spielt Klavier und singt ggf. eine Stimme mit, die Sängerinnen und Sänger zu Hause singen dazu, ohne die anderen hören zu können. Der Chorverband Berlin hat hierzu auch einen sehr schönen Leitfaden verfasst. Der Vorteil dieser Probenarbeit besteht vor allem darin, dass sie einerseits besser als gar keine Probenarbeit ist, und andererseits die allermeisten Sänger irgendwie Zugang zu einem Gerät haben, auf dem Zoom & co. laufen. Der Nachteil ist jedoch, dass kein gemeinsames Singen möglich ist.

Die Alternative: Jamulus

Das Hauptproblem, das das gemeinsame Singen verhindert, ist die zeitliche Verzögerung (Latenz) des Bild- und Tonsignals. Daher ist es das Ziel von Spezialprogrammen, diese möglichst gering zu halten. Wir verwenden Jamulus; andere Alternativen sind z.B. JamKazam, SoundJack, Sonobus und viele mehr (siehe Wikipedia). Wir haben uns für Jamulus entschieden, weil es eine kostenlose und offene Software ist, die auch für größere Gruppen (> 20 Teilnehmer) geeignet ist, und die wir auf unserer eigenen Infrastruktur betreiben können. So sind wir nicht abhängig von dem Preismodell eines bestimmten Anbieters.

Um die Latenz des Signals so gering zu bekommen, dass gemeinsames Musizieren möglich ist, muss man gegenüber Zoom & co. bei Jamulus einige Abstriche machen bzw. etwas Aufwand in Kauf nehmen:

  1. Jamulus bietet nur Tonsignal, kein Video. (Siehe auch Abschnitt »Und was ist mit Video?«)
  2. Alle Teilnehmer/-innen müssen einen kabelgebundenen Kopfhörer verwenden.
  3. Jamulus läuft unter Windows, MacOS und Linux, aber nicht auf Android und iOS. (Für Android existiert eine experimentelle Version.)
  4. Die Installation ist aufwändiger als bei Zoom & co.

Wir finden dennoch, dass sich der Aufwand lohnt und die Proben über Jamulus viel mehr mit »echten« Chorproben zu tun haben als die Proben über Zoom & co.

Demo

Dies ist ein Live-Mitschnitt mit der Aufnahme-Funktion von Jamulus. In der Nachbearbeitung haben wir nur die Lautstärkebalance und das Stereopanorama geändert. So kann man ungefähr einen Eindruck erhalten, wie es bei den Sängern während der Probe jeweils klingen kann, wenn man die Lautstärke und Balance entsprechend einstellt. Wir haben auch keinen Click-Track oder ähnliches herausgeschnitten und hatten parallel keine Videokonferenz. Die Koordination fand nur über die Klavierbegleitung statt.

Der Haken: Die Installation

Der größte Aufwand, den man für das Proben mit Jamulus investieren muss, liegt beim Installieren der Software. Dies teilt sich in das Serverprogramm, das wir als Chor einmalig aufsetzen mussten, und in das Anwendungprogramm, das jede/-r Sänger/-in installieren muss. Im folgenden wird es daher leider ein wenig technisch.

Server

Jamulus benötigt ein Serverprogramm, das auf einem eigenen Rechner (Server) läuft, an dem sich alle Sängerinnen und Sänger anmelden. Es gibt öffentliche Server, die man zwar nutzen kann, doch ist nicht garantiert, dass diese zur gewünschten Zeit auch frei sind. Zudem kann jeder zuhören, wenn man probt. Daher kommt man als Chor eigentlich nicht darum herum, auf einen eigenen Server zu gehen.

Der Anbieter Melomax betreibt Jamulus-Server, die man stundenweise mieten kann. Die Qualität war bei einem Test recht gut; preislich muss man für sich selbst entscheiden, ob auf Dauer nicht eine eigene Serverinstallation günstiger ist.

Die Installation eines eigenen Servers ist nicht schwer; mit Grundkenntnissen in Linux ist sie mithilfe der Anleitung im Jamulus-Wiki in wenigen Minuten erledigt. Um die Latenz so kurz wie möglich zu halten, sollte der Server in einem gut angebundenen Rechenzentrum stehen. Man kann theoretisch auch zu Hause einen Server betreiben, dies ist aber kniffliger, da man dazu einen speziellen Internetanschluss braucht (mit IP v4) und seinen Router entsprechend konfigurieren muss; außerdem muss der Anschluss genug Bandbreite in beiden Richtungen haben, wenn man mit mehr als nur einer Handvoll Personen proben will. Wir haben uns daher entschieden, einen Server mit »Cloud-Tarif« bei einem Hosting-Anbieter zu mieten. (In unserem Fall ist das Ionos von 1und1, da dort auch schon unsere Homepage liegt. Es gibt aber dutzende Anbieter, die dafür geeignete Tarife anbieten.) Der Vorteil bei Cloud-Tarifen ist, dass sie nach Verbrauch von Rechenzeit abgerechnet werden. Wenn man den Server jeweils nur für die Proben hoch- und danach wieder herunterfährt, kommen nur wenige Stunden im Monat zusammen, und die Kosten liegen nur im einstelligen Euro-Bereich. Zudem sind Verträge mit Cloud-Tarif oft monatlich kündbar, daher ist man damit sehr flexibel, auch was die benötigte Leistung angeht.

Wir haben für einen Server mit zwei Rechenkernen gebucht. (Festplatten- und RAM-Größe sind für den reinen Serverbetrieb vernachlässigbar. Für serverseitige Mitschnitte (s.u.) braucht man allerdings viel Festplattenplatz.) Darauf läuft Ubuntu 20 mit dem Low-Latency-Kernel. Bei einer Probe mit 20 gleichzeitigen Teilnehmern war er zu ca. 60 % ausgelastet. Generell hängt die Anzahl benötigter Prozessorkerne vor allem von der Anzahl der gleichzeitigen Benutzer und den verwendeten Parametern ab (Mono oder Stereo, Puffergröße, »Fast Updates«), und natürlich auch von der individuellen Leistung eines Prozessorkerns. Als Faustregel kann man 8–15 Benutzer pro Kern annehmen; auf der GitHub-Seite von Jamulus gibt es dazu eine interessante Diskussion.

Wir starten das Serverprogramm mit folgenden Parametern:

Jamulus -s -n -F -T -p 22124 -u 50

Die Parameter bedeuten:

-s -n
Jamulus als Serverprogramm ohne Benutzerfenster starten.
-F
»Fast Updates«: Setzt die Frame-Größe auf 64 Samples. Hierdurch wird die Latenz weiter verringert, wenn auch die Teilnehmer im Anwendungsprogramm einen Puffer von 64 Samples eingestellt haben. Dies benötigt mehr CPU und Bandbreite, funktioniert aber mit unserem Server ganz gut (s.o.). Mit deutlich mehr als 20 Teilnehmern müsste man mehr Rechenkerne dazubuchen oder diese Option deaktivieren.
-T
Multithreading: Wird benötigt, um von mehreren Rechenkernen zu profitieren
-p 22124
Portnummer. Wir verwenden dies, um mehrere Jamulus-Serverprogramme gleichzeitig laufen zu lassen, um mit unterschiedlichen Gruppen parallel Stimmproben zu machen. Die anderen gestarteten Programme bekommen dann die Ports 22125, 22126 usw. Die Sänger verbinden sich dann z.B. über server.meinchor.de:22125

-u 50
Maximalzahl gleichzeitiger Benutzer, Standard ist 10. Einstellbar sind bis zu 150.

Um den Server einfacher erreichbar zu machen, haben wir ihm eine lesbare Adresse (wie z.B. server.meinchor.de) gegeben. Dabei muss man beachten, dass Jamulus nur IPv4 unterstützt. Der DNS-Eintrag darf daher nur einen A-Record enthalten und keinen AAAA-Record, sonst schlägt der Verbindungsaufbau in Jamulus fehl.

Anwendungsprogramm

Die Installation des Anwendungsprogramms ist leider etwas kniffliger als bei Zoom & co., da man nicht nur das Programm selbst installieren muss, sondern ggf. auch einen geeigneten Treiber für die Soundkarte. Für Windows gibt es eine sehr detaillierte Anleitung des Kirchenkreises Hamm von Heiko Ittig, ansonsten hilft auch die Installationsanleitung von Joe Völker oder das Jamulus-Wiki weiter. Unter MacOS und Linux ist die Installation unserer Erfahrung nach etwas weniger knifflig.

Man sollte auf jeden Fall darauf achten, dass man die aktuellste Version installiert. Zum Zeitpunkt, als dieses Dokument entstand, kam gerade die Version 3.6.2 heraus, die viele Verbesserungen vor allem für Chöre bietet.

Da vor allem die Einstellungen des Soundkarten-Treibers ASIO4All unter Windows sehr knifflig sind, haben wir vor den Proben eine Technik-Sprechstunde eingerichtet, bei der wir den Sängerinnen und Sängern bei der Installation helfen. Dazu bietet sich ein Fernwartungsprogramm wie z.B. AnyDesk, TeamViewer o.ä. an. Wichtig: Während man an den Einstellungen der Soundkarte arbeitet, sollte man nicht gleichzeitig via Skype o.ä. auf dem selben Rechner mit der Person sprechen, sondern besser über ein zweites Gerät (z.B. Telefon).

Als Alternative zur Installation des Anwendungsprogramms kann man sich auch einen USB-Stick erstellen, von dem aus man das spezielle Betriebssystem JamulusOS starten kann, das auf Linux basiert. Dort hat man eventuell weniger Probleme mit der Einrichtung, da manche Hardware unter Linux besser funktioniert als unter Windows. Auch hat man hier garantiert keine Hintergrundprogramme, die die Latenz verschlechtern.

Wenn die Ein- und -Ausgabegeräte richtig konfiguriert sind, kann man die Einstellungen noch für niedrige Latenz optimieren. Ob dies möglich ist, hängt von der eigenen Hardware und der Internetverbindung ab (siehe nächster Abschnitt). Wenn möglich, sollte man auf jeden Fall eine Puffergröße von 64 Samples und kleine Netzwerkpuffern einstellen. Damit erreichen wir mit unserem Server Gesamtlatenzen von < 40 ms, womit man schon recht gut arbeiten kann. Auch wenn die 64 Samples anwählbar sind, führen sie bei manchen zu stotterndem Ton oder Verzerrungen. Dann sollte man wieder zurück auf 128 Samples gehen.

Hardware/Internetverbindung

Jamulus stellt weder hohe Anforderungen an die verwendeten Rechner noch an die Bandbreite der Internetverbindung. Man kann mit einem Laptop von 2010 und einem DSL-Anschluss mit 50 Mbit/s sehr gut an Jamulus teilnehmen. Wichtiger als das Alter des Laptops ist die verwendete Audio-Hardware (siehe Unterpunkte); wichtiger als die Bandbreite der Internetverbindung (in Mbit/s) ist der Ping (Zeit, die das Signal zum Server und zurück benötigt). Dieser hängt von der Qualität des Anschlusses, der Tageszeit und der Auslastung durch Mitbenutzer am gleichen Anschluss ab (Netflix, Online-Spiele, …). Als Benutzer kann man den Ping möglichst niedrig halten, indem man den Rechner per LAN-Kabel an den Router anschließt. Teilnahme per WLAN kann in manchen Fällen klappen, sorgt aber auf jeden Fall für höhere Latenz als am LAN-Anschluss. Falls man keine LAN-Verkabelung im Haus hat, aber an den Router drankommt, kann man sich für wenig Geld ein langes Kabel kaufen (30 m CAT.5-Kabel kosten ca. 20 €) und für die Proben zum Router legen.

Es ist auch möglich, Jamulus auf einem Raspberry Pi zu installieren. Mit JamBox kann man sich für ungefähr 100 € ein Gerät bauen, das man dann nur noch einschalten muss, und das die Verbindung zu einem Jamulus-Server selbstständig herstellt. Die Funktionen der Software kann man über Browser z.B. von einem Tablet fernsteuern. Dies kann eine Möglichkeit für Sängerinnen und Sänger sein, die keinen Laptop besitzen.

Für die Audio-Hardware gibt es im Jamulus-Wiki eine Liste von Geräten, die mit Jamulus gut funktionieren. Diese Liste ist nicht vollständig, kann aber bei geplanten Neuanschaffungen sinnvoll sein.

Audio-Hardware: für Sänger-/innen

Als Minimallösung nutzt man einen kabelgebundenen Kopfhörer (USB oder Klinke, aber kein Bluetooth, da dies zusätzliche Verzögerung erzeugt) und nutzt das im Laptop eingebaute Mikrofon, oder man verwendet ein kabelgebundenes Headset. Manchmal verweigern USB-Headsets den Dienst, wenn das Mikro nur 16 kHz Abtastfrequenz (=Telefonqualität) bereitstellt, da Jamulus 48 kHz benötigt. Besser als Headsets oder Laptop-Mikros sind USB-Mikrofone: Schon die billigsten Podcast-Mikros für ca. 20 € klingen um Längen besser und können auch näher oder weiter weg vom Mund platziert werden, was gerade für hohe Stimmen wichtig sein kann, um Übersteuerungen zu vermeiden. Ideal sind natürlich USB-Audio-Interfaces mit eigenen ASIO-Treibern und professionelle Kopfhörer/Mikrofone. Diese gehen dann natürlich schnell in mehrere hundert Euro. Bei Kopfhörern sind offene Modelle vorteilhafter als geschlossene, da man mehr vom eigenen Gesang hört, wenn man nicht über das Interface das Mikrofonsignal zusätzlich im Kopfhörer einmischen kann (Monitoring).

Falls man einen Zoom-Recorder besitzt, kann man diesen auch per USB an den Rechner anschließen und als Mikrofon verwenden. Unter Windows gibt es dafür sogar ASIO-Treiber. Den Kopfhörer muß man dann auch an den Ausgang des Zoom-Recorders anschließen.

Audio-Hardware: für Dirigent/-innen

Als Dirigent/-in sollte man sich unbedingt ein USB-Audio-Interface mit zwei Eingängen, einen ordentlichen Kopfhörer und ein Mikrofon mit XLR-Anschluss zulegen. Reine USB-Mikrofone sind zu unflexibel, da man sie nicht an ein Mischpult oder Interface anschließen kann, was man aber benötigt, wenn man zusätzlich noch ein E-Piano anschließen möchte. Will man mehr als zwei Soundquellen gleichzeitig in Jamulus nutzen, muss man beachten, dass Jamulus nur zwei Eingabekanäle (links/rechts) pro laufendem Anwendungsprogramm nutzt. Das heißt, daß man bei einem Audio-Interface mit z.B. vier Eingängen ohne zusätzlichen Aufwand nur zwei gleichzeitig nutzen kann. (Diese Einschränkung gilt übrigens auch für Zoom & co.) Dies kann man auf mehrere Arten lösen:

Hardware-Mixer verwenden
Wenn man das Interface noch nicht gekauft hat, kann man stattdessen einen Mixer mit USB-Anschluss kaufen; diesen kann man so einstellen, dass er den Stereo-Mix über USB an den Rechner sendet. Man sollte jedoch beachten, dass einige Mixer es nicht ermöglichen, das »Direct Monitoring« abzustellen; man hört also immer auf den Kopfhörerne auch sein eigenes Mikrofonsignal. Wenn man sein eigenes Signal auch über Jamulus (mit Verzögerung) hören möchte, hört man sich also selbst immer doppelt. Beim Singen ist das jedoch nicht so schlimm, da man dort meist das verzögerte eigene Signal abschaltet (s.u.), aber fürs Jammen mit Instrumenten kann das hinderlich sein. Sicherer – und auch sinnvoller, wenn man schon ein Interface hat – ist es daher, einen kleinen Mixer ohne USB zu kaufen, dessen Ausgänge man dann mit den Eingängen des Interfaces verbindet.
In Software zusammenmischen
Es gibt virtuelle Mixer für alle Betriebssysteme, die verschiedene Eingänge zu einem virtuellen Signal zusammenfassen können. Kostenfrei gibt es unter Windows z.B. VoiceMeeter, unter MacOS z.B. BlackHole mit AU Lab, unter Linux Jack. Es gibt noch viele weitere Programme, die das können, die aber größtenteils kostenpflichtig sind. Die Einrichtung kann knifflig werden und erfordert mehr Erfahrung als die Hardware-Lösung.
Mehrere Jamulus-Instanzen verwenden
Man kann mehrere Jamulus-Instanzen (ggf. auf mehreren Rechnern) starten, sich einmal als »Dirigent« (mit Mikrofoneingang) und einmal als »Dirigent Piano« (mit E-Piano-Eingang) einwählen. Dann können die Sänger/-innen selbst einstellen, wie laut die Stimme und Klavier des/der Dirigent/-in jeweils sind.

Technische Probenmethodik

Bevor man Jamulus in einem Chor einführt, ist es sinnvoll, mit einer kleinen Gruppe aus dem Chor einen Test zu machen. Dazu kann man die »technikaffineren« unter den Sängerinnen und Sängern fragen. Wenn diese dann mit Jamulus vertraut sind, können sie dann später den anderen bei der Installation via Fernwartung helfen. Man sollte auf jeden Fall Termine ausmachen, um die technische Einrichtung vor der ersten Probe zu machen, sonst kommt man wegen der Technikprobleme möglicherweise gar nicht zum Proben. Dies kann ein frustrierendes Erlebnis sein, das die Akzeptanz für die Technologie im Chor sicher nicht vergrößert.

Wenn die Anwendungsprogramme soweit eingerichtet sind und alles funktioniert, muss man noch die Lautstärkeverteilung im Chor abstimmen. Der Vor- und Nachteil bei Jamulus ist, das jede/-r Sänger/-in die Lautstärke der anderen Stimmen für sich selbst mischen kann, aber eben auch muss. Dazu bietet Jamulus aber einige Hilfen an. Folgende Vorgehensweise hat sich für uns als praktisch erwiesen:

  • Jede/-r Sänger/-in sollte bei »Ansicht/Mein Profil« seinen echten Namen eintragen sowie bei »Instrument« sein/ihr Stimmfach. Dann kann jeder unter »Bearbeiten/Sortiere die Kanäle nach Instrument« die Teilnehmer nach Stimmfach sortieren.
  • Zu Beginn der Probe sollte man einen kleinen Soundcheck einplanen, bei dem alle Sänger/-innen nacheinander kurz einzeln etwas vorsingen, damit man die Lautstärke einschätzen kann, die je nach Mikrofon-Setup sehr unterschiedlich ausfallen kann. Dann sollte jeder bei sich die gewünschte Lautstärke der anderen einstellen. Dabei hilft es, zuerst unter »Ansicht/Einstellungen« den Pegel für die neuen Teilnehmer auf 50 % zu setzen, und dann im Haupfenster unter »Bearbeiten« alle Regler auf diesen Wert zu setzen, und von dort aus die Lautstärke anzupassen.
  • Gerade bei hohen Stimmen kann es vorkommen, dass das Signal übersteuert (Ausschlag bis zum roten »Lämpchen«). Dies kann man nicht in Jamulus korrigieren. Wenn möglich, sollten die Sänger/-innen das Mikrofon weiter vom Mund entfernen und/oder in den Audio-Einstellungen des Betriebssystems den Eingangspegel verringern. (Hier eine Anleitung für Windows).
  • In den Einstellungen bei »Audiokanäle« sollte man »Mono-In/Stereo-Out« auswählen. Damit kann man dann mit dem Pan-Regler die anderen Sänger/-innen im Stereopanorama verteilen, also z.B. Soprane links, Bässe rechts.
  • Entgegen dem Hinweis im Jamulus-Wiki (»Höre nur auf das Signal vom Server!«) sollte jede/-r Sänger/-in sich selbst im Mix stummschalten, das heißt rechts im Hauptfenster beim eigenen Namen die »Mute«-Taste betätigen. Sonst ist es sehr verwirrend, seine eigene Stimme mit leichter Verzögerung auf dem Kopfhörer zu hören. Bei Instrumentalisten mag es möglich sein, sich eine Spielweise anzugewöhnen, bei der man nur auf dieses verzögerte Signal hört und sich dann ähnlich wie bei einer Kirchenorgel darauf anzupassen. Beim Singen hat man jedoch über den Körperschall immer ein direktes Signal, das sich nicht vermeiden lässt. Daher ist es in unserer Erfahrung sinnvoller, sich selbst aus dem Mix herauszunehmen.
  • Über die Gruppierungsfunktion (»GRP«) kann man Sängerinnen und Sänger zu Gruppen zusammenfassen. Beim Ziehen am Lautstärkeregler werden dann alle Stimmen dieser Gruppe proportional angepasst. Will man nachträglich eine einzelne Stimme in einer Gruppe ändern, kann man die Umschalttaste halten und ziehen. Man sollte wenigstens alle Sänger/-innen in die Gruppe 1 zuweisen, so dass man das Verhältnis Chor/Dirigent leicht ändern kann.
  • Sängerinnen und Sänger, die zu viele Störgeräusche erzeugen oder eine sehr hohe Latenz haben, sollte man stummschalten. Sie können dabei immer noch mitproben, da sie ja weiterhin alle anderen hören.
  • Jamulus speichert die Einstellungen für die Abmischung. In der nächsten Probe sollten die Lautstärkepegel und Stereobalance also noch da sein. Wenn man auf einen anderen Rechner wechseln will, kann man die Mixereinstellungen auch in eine Datei exportieren.

Musikalische Probenmethodik

Da man kein Videosignal hat, ist ein Singen nach Dirigat nicht möglich. Der Dirigent muss also durch Ansagen und Klavierbegleitung mit dem Chor kommunizieren. Es braucht gewöhnlich eine Weile, bis sich alle an den Probenmodus gewöhnt haben. Noch mehr als bei einer normalen Chorprobe ist wichtig, dass die Sängerinnen und Sänger sich beim Tempo am Dirigenten orientieren und nicht an den anderen, da der Chor durch die zusätzliche Latenz sonst immer langsamer wird. Am Anfang kann man dazu ein Metronom mitlaufen lassen, doch später kann es auch ohne funktionieren, wenn alle sich bemühen, das Tempo zu halten (siehe Demo oben). Natürlich kann man bei einer solchen Probe schlecht an der Ausgewogenheit des Chorklangs arbeiten, doch viele andere Dinge wie Tempo, Phrasierung, Absprachen usw. funktionieren ganz gut.

Mitschnitte erstellen

Jamulus bietet eine eingebaute Mitschnittfunktion an, mit der man einen Mehrkanal-Mitschnitt direkt auf dem Server erstellen kann. Diesen kann man dann herunterladen und nachbearbeiten, eine Datei für Audacity und Reaper wird sogar automatisch erzeugt. Die Aufnahmefunktion auf einem Server muss etwas kompliziert über einen Kommandozeilenbefehl gestartet werden, siehe Jamulus-Wiki. Mit bis mit bis zu 20 Teilnehmern klappte das bei unserem Cloud-Server, darüber reichte die Leistung nicht mehr aus, und die Latenz stieg sprunghaft an.

Die einfachste Möglichkeit ist daher, einen Stereomix auf einem Anwender-Rechner mitzuschneiden. Dies ist wiederum mit Voicemeeter/Blackhole/Jack und einem Audio-Programm wie Audacity oder Reaper möglich, oder aber direkt am Line-Out des Anwender-Rechners mit einem externen Aufnahmegerät. Natürlich kann man diese Aufnahme dann nicht mehr nachträglich abmischen, sollte also schon einen guten Mix in Jamulus einstellen.

Und was ist mit Video?

Unsere Erfahrung ist, dass uns die Videoübertragung während der Probe nicht fehlt. Technisch gesehen ist es möglich, parallel zu Jamulus noch ein Konferenzprogramm wie z.B. Zoom zu starten und dort das Audio zu deaktivieren. Dann kann man sich zwar sehen, aber aufgrund der unterschiedlichen Verzögerung von Video und Audio kann man das Bild nicht ohne Weiteres fürs Dirigieren verwenden (siehe nächsten Absatz) – es macht die Probe also nur »netter«, weil man die Leute auch sehen kann. Für manche Chöre kann dies aber ein wichtiger Faktor sein, um die Akzeptanz von Jamulus zu steigern, da ohne Video gegenüber Zoom & co. sonst etwas wegfallen würde. Gleichzeitig verschlechtert jedoch zusätzliche Anwendung, die auf dem Rechner läuft, möglicherweise die Leistung von Jamulus. Dies muss man durch Ausprobieren herausfinden. Gegebenenfalls kann es helfen, das Videokonferenzprogramm auf einem separaten Gerät zu starten.

Derzeit experimentieren wir mit Jitsi Meet. Auf Basis eines Erfahrungsbericht des Grand Central Chorus haben wir uns einen separaten Jitsi-Server für Videokonferenzen eingerichtet, der es uns sogar ermöglicht, (eingeschränkt) nach Dirigat zu singen. Die Verzögerung des Videosignals ist natürlich immer höher als die des Tonsignals, daher sind Bild und Ton nie ganz zusammen (jedes kommt so früh wie möglich). Es scheint uns aber als derzeit beste Möglichkeit, Video auch für musikalische Arbeit in die Probe zu integrieren. Die niedrige Verzögerung erreicht man dadurch, dass man auf einem eigenen Jitsi-Server das Videosignal auf möglichst kurze Latenz optimieren kann, indem man die Auflösung und Bildqualität stark reduziert. In Zoom und anderen Anwendungen kann man die Qualität und damit Latenz nicht direkt beeinflussen, da diese Parameter durch den Anbieter bzw. das Programm gesteuert werden. Der Nachteil ist natürlich, dass man einen weiteren Server installieren und betreiben muss. Auch haben wir noch nicht getestet, wieviele Benutzer gleichzeitig der Jitsi-Server verträgt und wie sich dies auf die Latenz auswirkt.

Abgesehen davon machen wir es so, dass wir uns nach der Probe meist auf einer anderen Plattform mit Videofunktion zu einem geselligen Teil treffen, bei dem wir uns auch gegenseitig sehen können.

Einbindung von Sänger/-innen, die Jamulus nicht nutzen können

Mit mehr technischem Aufwand ist es auch möglich, die Jamulus-Session auch über ein weiteres Programm (wie z.B Zoom oder aber auch über YouTube/Twitch/etc.) zu streamen. Dies kann sinnvoll sein, wenn der Chor so groß ist, dass nicht alle in eine Jamulus-Sitzung passen, oder wenn es zuviel Aufwand ist, Jamulus bei allen zu installieren. Dieser Teil des Chors wird dann natürlich während der Probe nicht von den Jamulus-Teilnehmern gehört, kann aber immerhin die Jamulus-Teilnehmer hören statt nur den/die Dirigenten/-in, und außerdem den/die Dirigenten-/in sehen. Die einfachste technische Lösung ist, auf einem separaten Rechner Jamulus und z.B. Zoom zu starten und das Jamulus-Ausgabesignal z.B. über Voicemeeter (Windows)/Blackhole (Mac)/Jack (Linux) als Eingabe für das Videostreaming-Tool zur Verfügung zu stellen. Mit komplexeren Setups kann man natürlich noch ausgefeiltere Streams erstellen, wie in diesem Beispiel, wo ein richtiger Live-Auftritt über Videostreaming realisiert wurde.

Fazit

Insgesamt gefällt uns diese Art zu proben sehr viel besser als das Proben über Zoom. Wir haben zwar einige Proben gebraucht, bis es rund lief und alle unserer Sängerinnen und Sänger die richtigen Einstellungen hatten, der Aufwand hat sich für uns aber auf jeden Fall gelohnt. Da unsere Sängerinnen und Sänger über ganz Süddeutschland und die Schweiz verteilt wohnen, können wir uns sogar vorstellen, einige Proben auch in Zukunft weiter über Jamulus zu machen, auch wenn wir wieder in Präsenz proben dürfen.

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